Stormwatch von Warren Ellis

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Zwei Gründe haben dazu geführt, dass Warren Ellis unter Comiclesern ein großer Name wurde. Der eine Grund hieß Transmetropolitan und der andere war sein Run bei Stormwatch bzw. dessen Weiterführung in the Authority. Während Transmetropolitan der Durchbruch für politische Comics war, veränderte Warren Ellis durch seinen Lauf die grundlegende Ästhetik sowie Art der Geschichten kommerzieller Superheldencomics. DC hat nunmehr in zwei Sammelbänden alle Stormwatchhefte von Warren Ellis gesammelt und zudem gleichzeitig seinen kompletten Run bei Authority ebenfalls in einem Sammelband veröffentlicht.

Man kann den Einfluß, den Warren Ellis auf amerikanische Superheldencomics Ende der 90er Jahre hatte, nicht überbetonen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Marvel in keinster Weise den Schock der Gründung von Image Comics überstanden, als seine besten Zeichner es verließen, um ihren eigenen Verlag zu gründen. Jim Lee, Whilce Portacio, Marc Silvestri und Rob Liefeld hatten wie kaum andere vor Ihnen den X-Men ihren Stempel aufgedrückt und sie hinterließen ein kreatives Vakuum, welches Marvel nicht verstand aufzufüllen. Bei DC war nicht viel übrig vom Erfolg um Supermans Tod. Selbst 1994, zwei Jahre nach der eigentlichen Storyline, wurde mit Superman/Doomsday: Hunter/Prey versucht, diesen Erfolg weiter auszuquetschen. Image selber hatte den ersten Hype hinter sich gebracht. Jedes Studio versuchte sein eigenes Universum zu etablieren. Meistens nur mit leidlichem Erfolg. Nein, die zweite Hälfter der 90er Jahre war keine Hochzeit der Superhelden. Es war die Zeit von Vertigo, der zweiten Welle der britischen Talente. Namen wie Garth Ennis, Peter Milligan, Grant Morrison und eben Warren Ellis eroberten die Szene im Sturm.

Warren Ellis übernahm Stormwatch nachdem der Crossover "Wildstorm Rising" beendet war. Zum gleichen Zeitpunkt übernahm Alan Moore den anderen Hauptitel des Wildstorm Universums – WildC.A.T.S.

Warren Ellis drückte der Serie sofort seinen inhaltlichen Stempel auf. Zwei Zitate von Weatherman, dem Anführer von Stormwatch, zeigen dies gleich zu Beginn sehr deutlich. Auf der ersten Seite stellt sich Weatherman Henry Bendix dem Leser vor und beendet dies mit den Worten "I am the Weatherman — and I’ve got your new world order right HERE". Dieses Haltung, eine Mischung aus UK Punk und US Bad Ass Attitüde, wiederholt sich zwei Ausgaben später noch einmal, während einer Konfrontation zwischen Bendix und dem Präsidenten der USA. Hierbei belehrt Bendix den US Präsidenten. Er beendet seinen Monolog mit den Worten "We have received your Message that we are not wanted or safe in your country. Stand ready for OURS." Diese Situation, in welchem der Anführer einer Superheldengruppe dem Anführer der freien Welt droht, ist für mich einer der klassischen "Kick Ass"-Momente der 90er Jahre. Es war neu, aufregend anders und auch bei der zehnten Wiederholung möchte man laut "Hell Yeah!" brüllen. Superhelden bedrohten bis dato nicht den Präsidenten der USA. Zudem war Stormwatch #37 der erste Superheldencomic, an den ich mich erinnern kann, wo der Anführer eines Superheldenteams einen gefangenen und wehrlosen "Bösewicht" erschießt. Wie gesagt – bereits mit dem ersten Heft machte Warren Ellis klar, dass er nicht vorhatte, die Grenzen des Genres zu respektieren.

Die eigentliche Geschichte beginnt mit der Beerdigung von Flashpoint, einem ehemaligen Teammitglied. Diese Zäsur im Team unterstützt Ellis mit der Einführung neuer Figuren wir Jenny Sparks oder Jack Hawksmoor sowie einer Restrukturierung von Stormwatch in die Teams Prime, Red und Black. Stormwatch Prime ist hierbei das Gesicht von Stormwatch, seine Teammitglieder die erfahrensten. Stormwatch Red ist das Team mit dem größten Zerstörungspotential und als Abschreckungswaffe gedacht. Stormwatch Black ist das Special Ops Team, aus dem heraus sich später the Authority entwickeln sollte. Wer sich bei dieser Einteilung an die Struktur der X-Men vor Schism erinnert fühlt, liegt richtig. Es ist nur eines von vielen Beispielen, wo Ellis neue Ideen in den Genre einfließen ließ, die später oft kopiert wurden. Ohne Stormwatch Black wäre eine Uncanny X-Force schwer vorstellbar.

In den folgenden zwölf Heften des ersten Sammelbandes vollrichtet Stormwatch verschiedene Auftäge. Der der Konflikt mit den USA spitzt sich zu und Kaizen Gamorra, einer der wichtigsten Antagonisten des Wildstorm Universums, tritt wieder auf die Bühne. Die Trennlinien laufen hierbei nicht eindeutig zwischen Gut und Böse. Ellis thematisiert Stormwatch’s dunkle Seite. So werden die Gefangenen ohne ordentliches Gerichtsverfahren in Tanks festgehalten. Die einzelnen Geschichten dienen auch dazu, den bestehenden Charakteren Tiefe zu geben. Fuji wie Jack Hawksmoore erhalten Einzelmissionen, in denen der Leser mehr über sie erfährt. Stormwatch #44 erzählt die Geschichte von Jenny Sparks, dem Geist des 20sten Jahrhunderts. Dies erfolgt in Form einer tollen Hommage an vergangene Comicepochen und deren Erzählstile. In Stormwatch #46 geht das Team einfach mal einen Drinken. Es gibt zwar auch genug Aktionsequenzen, aber "durchgeprügelte Dialoge", eine der definitiven Erzählformen des Superheldengenres, sind eindeutig in der Minderheit.

Tom Raneys Artwork kann vor allem als funktional beschrieben werden. Seine Figuren gewinnen keinen Schönheitspreis. Seine Männer sind oft klobig und die Frauen eine nicht ganz gelungene Mischung aus dem klassischen Imagestil und angedeuteten Mangaeinflüssen. Raneys eindeutige Stärken liegt bei seinen Panelkompositionen und sowie dem generellen Fluß der Geschichte. Sein Artwork ist dynamisch und treibt den Plot voran. Sie erzählt die Geschichte, ohne ihr jemals im Weg zu stehen. Insofern stützt sie den Charakter von Ellis‘ Skript, ohne ihr dabei eine besonders eigene Note aufzudrücken.

Warren Ellis veränderte komplett die Tonlage der Superheldencomics. Seine trashtalkenden Figuren, die leicht anarchistische Attitüde des kompletten Runs, der dargestellte Antagonismus zwischen den Charakteren und dem Establishment, all dies war komplett neu. Seine Helden sind Rebellen und Aussenseiter, oft emotional volatil. Er politisierte Superhelden und diese Politisierung begeisterte viele kreative Köpfe der Szene. Joe Quesada übernahm viel von Ellis‘ Art und Weise die Welt der Superhelden zu erweitern. "Civil War" kann durchaus als Hommage an diese Phase des Wildstorm Universums gesehen werden. Bevor Ed Brubaker im Rahmen von Captain America seine politischen Spionagegeschichten schrieb, führte er die Ideen um Stormwatch konsequent auf deren Spitze, als er the Authority in "Coup D’Etat" sowie der "Revolutions"-Storyline die Herrschaft über die USA übernehmen läßt, um sie schlußendlich kläglich daran scheitern zu lassen.

Warren Ellis dekonstruierte mit Stormwatch ein zutiefst konservatives Genre, um es sofort mit einem libertären Ansatz wieder aufzubauen. Er schuf eine Revolution. Eine Revolution, die sich zudem höchst unterhaltsam liest.

Stormwatch by Warren Ellis Vol. 1
von Warren Ellis und Tom Raney

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